Inhalt · 13 Kapitel
- 01„Endlich!“ Wie Deutschland den Putsch begrüßte
- 02Der Vorwand: was Bonn wusste und was es glauben wollte
- 03„Eine ganz in unserem Sinne liegende Bereinigung“
- 04Propaganda made in Germany
- 05„Aktionsprogramm Indonesien“: gegen den Kommunismus, für die Armee
- 06Die Kommunisten vernichten: ein Argument für Unterstützung
- 07Der deutsche Staat als Waffenhändler
- 08Das Morden als Verkaufsargument
- 09Die Bundeswehr, der BND und die Mörder
- 10„Blut, Leichen, Beine, Köpfe“
- 11Was Deutschland wusste
- 12Nazis für Jakarta
- 13„Schulter an Schulter“: Bonn, Washington und die Sieger
- —Zeugnisse
- —Die Akten
- —Quellen
- —Kontakt
2014 erklärte die Bundesregierung dem Bundestag, sie habe keine genauen Erkenntnisse darüber, wie viele Menschen 1965 und 1966 in Indonesien getötet wurden. Ihre eigenen Archive sagen etwas anderes: Schon im Februar 1966 zählten sie fast 800.000 Tote. Und sie sprechen Klartext, Wort für Wort: ein Beamter in Bonn, der die Nachricht vom Putsch mit „ENFIN!“ begrüßte, zu Deutsch: endlich; das Auswärtige Amt, das festhielt, dass „die indonesischen Streitkräfte die kommunistische Partei systematisch vernichten“; und für die Waffen, die folgten: „keine Bedenken“. Die Geschichte ist mehr als sechzig Jahre alt, und sie führt aus einem Berliner Archiv bis nach Palästina, wo eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen im September 2025 festgestellt hat, dass Israel in Gaza einen Völkermord begeht. Wieder mit deutscher Unterstützung. Wird Berlin dafür kritisiert, dass es Israels Kriegsverbrechen an den Palästinensern unterstützt, antwortet es fast immer mit denselben zwei Wörtern: „historische Verantwortung“. Doch gerade weil diese Verantwortung fehlte, konnte Westdeutschland nur zwanzig Jahre nach dem Holocaust Teil eines weiteren Völkermords werden.
Am 1. Oktober 1965 riss die indonesische Armee das Land an sich. In der Nacht des 30. September hatte eine Gruppe von Offizieren, die sich Bewegung 30. September nannte, unter Führung von Oberstleutnant Untung von der Präsidentengarde sechs Generäle des Armeeoberkommandos entführt und getötet. Binnen Stunden hatte Generalmajor Suharto, Befehlshaber der strategischen Reserve der Armee, Kostrad, die Bewegung niedergeschlagen; binnen Tagen gab die Armee der Kommunistischen Partei die Schuld an allem. Suharto (1921–2008) übernahm das Kommando, und der damalige Präsident, Sukarno (1901–1970), sah es nicht kommen. Sukarno behielt seinen Titel. Sonst behielt er nichts, und im März 1967 nahm man ihm auch diesen. Binnen Wochen begann die Armee, die Kommunistische Partei Indonesiens, die PKI, Provinz für Provinz zu verbieten; im März 1966 wurde sie im ganzen Land verboten. Sie war damals die drittgrößte kommunistische Partei der Welt. Jede Organisation, die mit ihr in Verbindung stand, wurde in der Folge verboten.
1965 hatte die PKI bis zu dreieinhalb Millionen Mitglieder, und über ihre Gewerkschaften, ihre Bauernfront, ihre Frauen- und ihre Jugendorganisationen erreichte sie etwa zwanzig Millionen weitere Menschen, jeden fünften Indonesier. Bei den Wahlen von 1955, den einzigen freien Wahlen, die das Land in mehr als vierzig Jahren erleben sollte, hatte sie 16 Prozent der Stimmen gewonnen. Ihre Bauernfront, die BTI, besetzte die Felder der Grundbesitzer, um eine Landreform zu erzwingen, die seit 1960 Gesetz war und kaum umgesetzt worden war. Die Partei wollte die ausländischen Ölkonzerne und Plantagen aus dem Land haben, und sie stellte sich gegen die Briten in Malaysia und gegen die Amerikaner in Vietnam. Das machte sie zum Feind, in Jakarta, in Washington und in Bonn.1
Was folgte, dauerte von Oktober 1965 bis in die frühen Siebzigerjahre. Funktionäre, Mitglieder und Sympathisanten kamen in die Lager, und aus den Lagern unter die Erde. Überlebende, die wir für unseren Dokumentarfilm vor der Kamera hatten, erzählten uns von Massengräbern, Enthauptungen und Flüssen voller Leichen. Sarwo Edhie (1925–1989), der die Fallschirmkommandotruppe RPKAD der Armee befehligte, bezifferte die Zahl der Hingerichteten später auf „zwei oder drei Millionen“.2 Das ist ein Völkermord, und er wurde an Kommunisten verübt. Außerhalb Indonesiens weiß kaum jemand, dass er stattgefunden hat.
Im Juli 2016 stellte das Internationale Volkstribunal zu 1965 in Den Haag, ein Tribunal aus Richtern und Juristen ohne Strafgewalt, fest, dass die Tötungen durch die Armee und die von ihr ausgebildeten und unterstützten Milizen Völkermord waren, die teilweise Vernichtung einer nationalen Gruppe, und es benannte die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Australien als mitschuldig. Vier Jahre zuvor hatte Indonesiens Nationale Menschenrechtskommission Verbrechen gegen die Menschlichkeit festgestellt und von einer staatlichen Politik gesprochen, die Mitglieder und Sympathisanten der PKI auszurotten. 2014 gefragt, ob die Massaker Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen seien, erinnerte die Bundesregierung daran, dass dieser Tatbestand seit den Prozessen von Nürnberg und Tokio bekannt sei, und sah „keinen aktuellen Anlass“, seine Anwendbarkeit auf einen fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Sachverhalt zu prüfen. 2023 gefragt, ob sie ein Völkermord gewesen seien, antwortete sie, es obliege nicht ihr, der Aufarbeitung durch Wissenschaft, Zivilgesellschaft, internationale Gremien und vor allem durch Indonesien selbst vorzugreifen.3
Das Material für diese Aufarbeitung liegt längst im eigenen Archiv der Bundesregierung. Dieser Artikel stützt sich auf die Akten selbst: Fernschreiben, Berichte, Vermerke und Protokolle aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, dazu Unterlagen aus dem Bundesarchiv in Koblenz und aus Washington. Sie zeigen, was Bonn über das Morden wusste, und wann. Und sie zeigen, was Bonn mit diesem Wissen anfing: Es begrüßte den Putsch, verbreitete die Propaganda der Armee, stellte der Seite der Armee Geld in Aussicht und gab Waffen für sie frei. Auch das Geld ist aktenkundig. Vor dem Putsch bürgte Bonn für Kredite, die nach den Worten seines Botschafters auch „die uns wohlgesinnten Kreise (wie z. B. die Armee u. a.)“ stärken würden; während die Partei zerschlagen wurde, leistete der BND nach der späteren Darstellung seines eigenen Chefs „Unterstützung (Berater, Geräte, Geld)“; als das Morden vorbei war, kamen Umschuldung, neue Kredite und Kapitalhilfe, bis 1969 in Höhe von 100 Millionen DM.
„Endlich!“ Wie Deutschland den Putsch begrüßte
Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts ist sogar eine der ersten Reaktionen Bonns auf den Putsch erhalten. Bonn war bis zur Wiedervereinigung 1990 die Hauptstadt Westdeutschlands; dann wurde Berlin wieder Hauptstadt. Am 4. Oktober 1965 schickte die Botschaft in Jakarta ein verschlüsseltes Fernschreiben mit dem Vermerk „citissime“ an das Auswärtige Amt, bestimmt für den Bundesminister der Verteidigung. Ein „linksorientierter umsturzversuch“ sei gescheitert, meldete es; Sukarno und General Nasution, der Koordinierende Minister für Verteidigung und Sicherheit, der den Entführern entkommen war, hätten mit Regierungstruppen die Lage im Griff; sechs Generäle seien von den Rebellen entführt worden, und nach einer noch unbestätigten Meldung sei General Pandjaitan bei seiner Gegenwehr erschossen, die übrigen danach ermordet worden. Unterzeichnet hatte der Militärattaché Meyer. Neben seinen Namen schrieb ein Beamter in Bonn von Hand ein einziges Wort, auf Französisch: „ENFIN!“ Zu Deutsch: endlich. Was da endlich gekommen war, war nicht der Tod von sechs Offizieren. Es war die Gelegenheit, gegen die Kommunisten vorzugehen, und der Mann in Bonn hatte darauf gewartet.4
Aus dem Nichts kam diese Reaktion nicht. Einen Probelauf hatte man Bonn schon Monate zuvor vorgeführt. Am 8. Januar 1965 schrieb Attaché Meyer an das Verteidigungsministerium in Bonn, im Ton eines Mannes, der Büroklatsch weitergibt, über Generalmajor Ibrahim Adjie, den Befehlshaber der Armee in Westjava. Vor einigen Wochen, notierte er, habe Adjie etwa 1.400 kommunistische Plantagenarbeiter „vorsorglich und probeweise festnehmen lassen“, um zu sehen, wie die Kommunistische Partei reagieren würde. Die Partei reagierte nicht. „Nach Gerüchten“, fuhr Meyer fort, hätten deshalb 400 von ihnen wieder freigelassen werden können. „Die übrigen wurden beerdigt.“5 Bonn nahm es zur Kenntnis und schwieg.
Zwei Monate später erfuhr Bonn, wofür man die Armee aufsparte. Am 8. März 1965 schickte Luitpold Werz, der Botschafter der Bundesrepublik in Jakarta, einen sechsseitigen Bericht über die Streitkräfte im innenpolitischen Machtkampf nach Bonn, und an seinem Ende steht ein Fazit: Armee und Marine seien intakt geblieben, „als Kräftereservoir für eine spätere offene Auseinandersetzung mit den Kommunisten“. Niemand in Bonn fragte, was eine solche Auseinandersetzung kosten würde. Der Bericht ging bis zum Minister. Der Staatssekretär, der höchste Beamte des Ministeriums unterhalb des Ministers, schrieb an den Rand: „Ein sehr instruktiver Bericht.“ Den Initialen nach zu urteilen, war es Karl Carstens, der als Student in der SA gedient hatte, der NSDAP beigetreten war und später Bundespräsident werden sollte. Werz sollte mitgeteilt werden, sein Bericht habe großes Interesse gefunden und werde als zutreffend angesehen.6
Im Sommer sagten es die Offiziere offen. Am 18. Juni 1965, dreieinhalb Monate vor dem Putsch, berichtete der deutsche Militärattaché in Jakarta, die PKI habe bisher „noch nicht den Fehler gemacht, ausserhalb der Legalität vorzugehen“, und hohe indonesische Offiziere hätten ihm oft gesagt, dass die Streitkräfte „nur auf diesen Augenblick warten, um zuschlagen zu können“.7
Als der Augenblick kam, war den Deutschen die Armee zu langsam. Am 5. Oktober beklagte der schriftliche Putschbericht der Botschaft, die Armee habe sich in den ersten Oktobertagen, „statt also die Gelegenheit zu einem vernichtenden Schlage gegen die Kommunisten auszunutzen“, für strikte Legalität entschieden; „es scheint, als habe die Armee ihre historische Stunde verpaßt“.8 Zwei Tage später, am 7. Oktober, klagte derselbe Attaché in einem Fernschreiben an das Verteidigungsministerium: Die Streitkräfte „haben bisher gelegenheit, gegen kpi loszuschlagen, nicht ausgenutzt“.9
Der Vorwand: was Bonn wusste und was es glauben wollte
Die gesamte Rechtfertigung der Vernichtung beruhte auf der Behauptung, die PKI habe den Putsch organisiert. In den ersten Wochen glauben die deutschen Akten das nicht, und sie halten es schriftlich fest. Dann, als das Morden bereits in vollem Gang ist, ändern sie ihre Meinung, und die Akte zeigt, was sie umgestimmt hat.
In ihrer Anfang Oktober 1965 verfassten Analyse des Putsches kam die Botschaft zu dem Schluss: „Man kann daher davon ausgehen, daß der Putsch von den Kommunisten inspiriert und unterstützt worden ist. Dirigiert jedoch haben sie ihn wohl nicht; dafür war seine Durchführung zu dilettantisch.“ Über Untung, den Offizier, der das Gesicht des Putsches war, heißt es im selben Bericht, es gebe keinen Hinweis darauf, dass er ein Anhänger der Kommunisten sei. Auf derselben Seite steht, was ein hoher indonesischer Offizier einem Mitarbeiter der Botschaft gesagt hatte: Man sei sich in der Armeeführung „völlig darüber im klaren“, dass es sich bei dem Putsch der Bewegung 30. September „in Wirklichkeit um eine Auseinandersetzung der Armee mit den Kommunisten handelt“.10 Einige Wochen später hielt die Botschaft fest, der „kommunistische Aufstand“ vom 1. Oktober sei von der Armee „knapp und relativ unblutig“ niedergeworfen worden.11 Das Blut floss erst danach, und es floss nicht im Kampf.
Auch wie der Vorwand funktionierte, hatte die Botschaft genau verstanden. Ihr zentraler Bericht vom 18. Oktober 1965 stellt fest, die Armeeführung habe Sukarnos Mandat, die Ordnung wiederherzustellen, „zu einer gründlichen Aktion ausgenutzt“, die darauf abziele, die Kommunisten Schritt für Schritt aus sämtlichen Positionen in Staat und Gesellschaft zu entfernen. Die Armee, so der Bericht weiter, interpretiere das Mandat „als den Auftrag, die umstürzlerische ‚Bewegung des 3o. September‘ (‚Gestapu‘) sowie deren Hintermänner und Sympathisierer zu liquidieren“. Dann benennt er die Methode in einem einzigen Satz: „Indem die Armee die PKI mit der Gestapu identifiziert, wahrt sie für ihr antikommunistisches Reformprogramm den Schein der Legalität.“12 Gestapu war das Kürzel, das die Propagandisten der Armee für die Bewegung 30. September erfunden hatten, gewählt, weil es nach Gestapo klang. Weiter hinten stellt derselbe Bericht fest, die verschärfte Verhaftungswelle habe „offensichtlich mit dem Putsch des 3o. September nichts mehr zu tun“ und ziele darauf ab, die Kader der kommunistischen Unterorganisationen zu zerschlagen.13 Eine Woche zuvor, am 11. Oktober, hatte die Botschaft bereits beschrieben, wie das gemacht wurde. Ohne formell mit Sukarno zu brechen, meldete sie, habe die Armee unter dem Schutz des von ihr selbst ausgerufenen Ausnahmezustands „eine Volksbewegung gegen die Kommunisten inszeniert“, während die von ihr beherrschten Medien dem Volk die Verbrechen der Kommunisten einhämmerten, den Mord an den Generälen „in allen schaurigen Einzelheiten“. Muslimische Flugblätter, hieß es weiter, „rufen zum djihad, dem Heiligen Krieg gegen die atheistischen Kommunisten auf“, und die Botschaft legte zwei davon bei. Das eine, am 8. Oktober in Jakarta verteilt, dem Tag, an dem junge Muslime das Hauptquartier der PKI niederbrannten, schließt seinen Forderungskatalog mit den Worten: „Helft den Streitkräften, die Vollstrecker der Bewegung 30. September restlos auszumerzen.“ Das andere übermittelt „Grüße des Heiligen Krieges“ und sagt: „Lasst uns gemeinsam die Atheisten bis auf ihre Wurzeln vernichten.“ Die deutsche Botschaft wusste also schon in der zweiten Woche, dass der „Volkszorn“ von der Armee organisiert wurde.14
Ebenso wenig konnte irgendjemand in Bonn behaupten, die PKI schlage zurück. Die Novemberbilanz der Botschaft zum Putsch vermerkt die Zurückhaltung der Kommunisten nach dem gescheiterten Umsturz und urteilt, man könne „wohl davon ausgehen, daß die planmäßige Dezimierung der kommunistischen Spitzenkader durch die Armee z.Zt. die Koordinierung kommunistischer Aktionen auf weiterer Ebene ausschließt“.15 Die Opfer leisteten keinen Widerstand; sie wurden nach Plan dezimiert. Die Bundesregierung wusste, dass der Putsch der Vorwand war, dass das Töten ganz überwiegend von einer Seite ausging und dass die Partei, die vernichtet wurde, weitgehend wehrlos war. Sie unterstützte die Vernichtung trotzdem.
Dann änderte die Botschaft ihre Meinung, und zwar in genau dem Bericht, der die Dezimierung festhielt. Am 15. November 1965 überschrieb sie ihre Zusammenfassung mit „Kommunistischer Staatsstreichversuch in Indonesien“ und nahm ihre Lesart vom Oktober ausdrücklich zurück: „Untungs rascher Mißerfolg schien für einen dilettantisch geführten Militärcoup zu sprechen und eine aktive Steuerung durch die Kommunisten auszuschließen.“ Nun aber zeichneten sich „nach Bekanntwerden erbeuteter kommunistischer Dokumente und von Aussagen militärischer Putschführer“ die „Umrisse eines gigantischen kommunistischen Staatsstreichunternehmens“ ab. Die Aussagen stammten aus den Verhörräumen der Armee. Die Botschaft legte einen Auszug aus dem Vernehmungsprotokoll Untungs bei, der ihr „aus besonderer Quelle“ zugegangen war. Der Vernehmer hält ihm vor, es müsse jemand dahintergestanden haben: „Wer dirigierte das Unternehmen aus dem Hintergrund?“ Untung: „Hinter mir stand die PKI.“ Eine Frage, schrieb die Botschaft, bleibe nach wie vor unbeantwortet: „wieso der kommunistische Aufstand trotz sorgfältiger Vorbereitung von langer Hand so eklatant mißlingen konnte“. Am 6. Dezember tat sie den letzten Schritt. Als sie das übersetzte Protokoll der Vernehmung des Politbüromitglieds Njono weiterleitete, das ihr ebenfalls „aus besonderer Quelle“ zugegangen war, schrieb sie: „Aus dem Protokoll lassen sich folgende Schlüsse ziehen: 1. Die PKI-Führung plante und organisierte den Umsturzversuch der ‚Bewegung des 3o. September‘.“ Neun Wochen nach dem Putsch hatte sich die Botschaft die Version der Armee zu eigen gemacht. Viel hatte es dafür nicht gebraucht. Das Njono-Protokoll besiegelte es: ein Geständnis, das die Männer, die mordeten, einem ihrer Gefangenen abgenommen hatten. Im Protokoll wird Njono gefragt, ob er unter irgendeinem Zwang oder Druck stehe; er verneint. In solchen Protokollen ist das die Regel.16
„Eine ganz in unserem Sinne liegende Bereinigung“
Was die deutsche Botschaft in diesen Wochen tat, ist in den Akten Bonns wie Washingtons dokumentiert. Botschafter Werz selbst war nicht da. Ab dem 6. Oktober hielt er sich in Hongkong auf und kehrte erst am 14. Oktober nach Jakarta zurück; neben das Fernschreiben, das seine Ankunft ankündigte, schrieb ein Beamter in Bonn: „Es war an der Zeit!“ Am 12. Oktober 1965 meldete der amerikanische Botschafter in Jakarta, Marshall Green, in einem als geheim eingestuften Telegramm an US-Außenminister Dean Rusk, ein Angehöriger der deutschen Botschaft habe weitergegeben: Die „Indo-Armee erwägt jetzt Möglichkeit, Sukarno selbst zu stürzen, und geht auf mehrere westliche Botschaften zu, um sie wissen zu lassen, dass ein solcher Schritt möglich ist“.17 Die deutsche Botschaft gehörte zu den westlichen Vertretungen, die die indonesische Armee auf dem Laufenden hielt, während sie die Absetzung des Präsidenten erwog. Das Dokument liegt nicht in den deutschen Akten. Es liegt in den amerikanischen, seit 2017 freigegeben.
Fünf Tage nach seiner Rückkehr beschrieb Werz in zwei als geheim eingestuften Telegrammen die Maschinerie, die er in vollem Gang vorgefunden hatte. Die Armee fahre „entschlossen mit ihrem programm der schrittweisen unterdrueckung der pki fort“. Nach der Herstellung einer „von kommunisten gesaeuberten zentralgewalt“ wolle sie „offenbar an die saeuberung der einzelnen provinzen gehen“, und noch sei nicht abzusehen, wie die Kommunisten „die ins rollen gekommene militaerwalze“ aufhalten könnten. Und Bonn? Werz’ Rat passt in eine Zeile: sich vorerst zurückhalten und abwarten, was kommt, „um die position unserer freunde in der armee nicht zu erschweren“.18 Unsere Freunde in der Armee. So sprach der Botschafter der Bundesrepublik von den Männern, die die Vernichtung betrieben.
Am 25. Oktober brachte er es noch einmal zu Papier, diesmal in einem persönlichen Brief an den Leiter der Politischen Abteilung in Bonn. Überall herrsche Angst, schrieb er, und dann: „Immerhin hoffe ich, dass die Armee, die trotz der gegenteiligen Weisung des Präsidenten systematisch mit den Kommunisten aufräumt, sich durchsetzen wird, und dass damit für uns bessere Zeiten anbrechen.“19
Am 26. Oktober 1965, am selben Tag, an dem das Indonesienreferat des Auswärtigen Amts empfahl, die Ausfuhr von Pistolengriffen an die indonesische Armee zu genehmigen, schrieb Alexander Böker, Ministerialdirigent in der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, an Werz:
„Wir verfolgen die dortige Entwicklung selbstverständlich mit größtem Interesse und freuen uns über die Fortschritte in der Festigung des Armee-Regimes. Wir sind uns völlig darüber klar, welch große Chancen für die westliche Welt insgesamt und für Deutschland im besonderen in dieser Entwicklung liegen und welch großen Gefahren wir ausgesetzt wären, wenn das Experiment scheitern sollte.“20
Das „Experiment“ war in diesem Augenblick der Massenmord an Kommunisten. Werz antwortete am 8. November 1965 mit einem Brief, der den Vermerk „Persönlich und Vertraulich“ trägt. Was ihn beunruhige, schrieb er, sei, dass man in Deutschland die indonesischen Dinge offenbar ganz ruhen lassen wolle: Hermes-Bürgschaften für kleinere Beträge, die staatliche Absicherung von Exportkrediten, seien gestoppt worden und würden vorerst nicht bearbeitet, und die Reise eines Vertreters des Goethe-Instituts, des westdeutschen Kulturinstituts im Ausland, sei gegen seine eigene Empfehlung abgesagt worden. Dann:
„Es wäre sehr bedauerlich, wenn gerade in dem Zeitpunkt, in dem sich hier eine ganz in unserem Sinne liegende Bereinigung vollzieht, bei den heute weitgehend massgeblichen Armeekreisen der Eindruck entstünde, als ob wir Indonesien abgeschrieben hätten.“21
„Bereinigung“ schreibt ein deutscher Beamter, wenn ein Konto ausgeglichen oder eine Unstimmigkeit ausgeräumt wird. Es ist das Vokabular der Buchhaltung. Werz verwendete es für die Säuberung, die im Land im Gange war, und er verwendete es als Argument: Bonn solle die kleinen Hermes-Bürgschaften jetzt nicht länger ausgesetzt lassen.
Bei Zehntausenden Toten, bald Hunderttausenden, plädierte der Botschafter der Bundesrepublik im selben Brief für „business as usual“. Jede größere Aktion oder ein neuer Rahmenkredit, räumte er ein, solle erst stattfinden, wenn die Lage sich weiter geklärt habe und die Indonesier darum bäten. Drei Wochen später, im Fernschreiben Nr. 593 vom 29. November 1965, meldete Werz, nach Westjava hätten nun auch die Militärgouverneure von Süd- und Südostcelebes (Sulawesi) und der Molukken die endgültige Auflösung der PKI verfügt, und er schob ein Kalkül nach: „moeglicherweise ist dieses vorgehen sukarno im augenblick gar nicht unlieb, da es ihn der versprochenen unangenehmen ‚politischen endloesung‘ enthebt und er sich spaeter von diesen militaermassnahmen distanzieren kann“.22
Der Ausdruck in Anführungszeichen ist keine Prägung von Werz. So gab die Botschaft auf Deutsch die politische Regelung der Affäre des 30. September wieder, die Sukarno versprochen hatte, und diese Regelung bedeutete die Beseitigung einer politischen Partei. Mehr als zwanzig Jahre nachdem das Wort im Deutschen die Bedeutung angenommen hatte, die es trägt, verwendeten die Diplomaten der Bundesrepublik binnen sechs Wochen dreimal „Endlösung“, am 15. November, am 29. November und am 23. Dezember, jedes Mal unter Werz’ Namen, in Anführungszeichen und ohne ein Wort des Kommentars.
Propaganda made in Germany
Die Bundesrepublik beschränkte sich nicht aufs Zuschauen. Am 15. Oktober 1965, zwei Wochen nach dem Putsch, hielt Hilmar Bassler, Vortragender Legationsrat I. Klasse im Auswärtigen Amt und Leiter des für Indonesien zuständigen Referats, in einem als VS-Vertraulich eingestuften Vermerk fest, dass zwei staatliche Medienanstalten gebeten worden waren, sich an der Kampagne zu beteiligen:
„Das BPA und die Deutsche Welle sind gleich nach Ausbruch der Revolte gebeten worden, die kommunistische Taktik und die bestialische Ermordung der indonesischen Generäle als Beweis für das kommunistische Vorgehen bei der Eroberung der Macht besonders herauszustellen.“23
Das BPA ist das Bundespresseamt, das direkt dem Bundeskanzler untersteht. Die Deutsche Welle ist der staatliche Auslandssender der Bundesrepublik, und sie sendete nach Indonesien. Beide wurden wenige Tage nach dem Putsch „gebeten“, die Geschichte von der Schuld der Kommunisten in die Welt zu tragen. Selbst das genügte Bassler nicht. „M.E. ist das Vorgehen der Kommunisten in der deutschen Presse nicht genügend beachtet worden“, heißt es weiter in seinem Vermerk. „Insbesondere sollten auch große Zeitungen wie die ‚Züricher‘ angeregt werden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.“ Mit der „Züricher“ ist vermutlich die Neue Zürcher Zeitung gemeint.
Über den Fernschreibkanal der Botschaft erhielt Bonn die Berichte des Korrespondenten der dpa, der wichtigsten westdeutschen Nachrichtenagentur, über die Propaganda der Armee: einen Fernsehfilm über „die bergung der graesslich verstuemmelten leichen der armeegeneraele“, der mehrfach ausgestrahlt wurde, und die Meldung, an der Ermordung von Frau und Kindern eines regierungstreuen Regimentskommandeurs seien die kommunistische Jugendorganisation Pemuda Rakjat und die Frauenorganisation Gerwani anscheinend „beteiligt gewesen“.24 Die Gräuelgeschichten befeuerten die Pogrome. Basslers Vermerk hält fest, dass BPA und Deutsche Welle gebeten worden waren, genau diese Erzählung zu verbreiten, die PKI als bestialische Mörderin der Generäle, obwohl die eigene Botschaft des Auswärtigen Amts geschrieben hatte, die PKI habe den Putsch zwar inspiriert und unterstützt, aber wohl nicht dirigiert. Als das Morden seinen Höhepunkt erreichte, hatte Bonn seine Staatsmedien bereits gebeten, die Version der Armee zu verbreiten.
Selbst der Kanal war kein Zufall. Das dpa-Büro in Jakarta war „auf den ausdrücklichen und dringenden Wunsch des Auswärtigen Amts“ eröffnet worden, vermerkte das Pressereferat des Amts am 6. Oktober 1965, um den ostdeutschen und den kommunistischen Nachrichtenagenturen etwas entgegenzusetzen.25 Und die Botschaft wusste, was für einer Geschichte sie da nachhalf. Am 22. November schrieb sie nach Bonn, die „von der Armee propagandistisch geschickt hochgespielte Ermordung der sechs Generäle“ habe das Volk gegen die Kommunisten aufgebracht und Armee und Muslime in einer Front geeint, und darin liege „eine ungeheure Chance für die Armee“.26 Fünf Wochen später, am 30. Dezember, schickte Werz ein Fernschreiben, das auch an das Bundespresseamt gerichtet war. Die Armeezeitung Harian Angkatan Bersendjata hatte um Material über ein neues deutsches Buch über Sukarno gebeten, und er schlug vor, der „Dienst aus Deutschland“ solle der Botschaft möglichst bald ein Exklusiv-Feature mit Fotos schicken.27 Bonn wiederholte nicht nur die Propaganda der Armee. Es bot der Zeitung der Armee eigene Texte an.
„Aktionsprogramm Indonesien“: gegen den Kommunismus, für die Armee
Die Linie, der Bonn im Herbst 1965 folgte, war ein Jahr zuvor festgelegt worden. Nichts von dem, was folgt, war bloßes Geschäft. Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgten Kredite und Waffen einen politischen Zweck, und das Auswärtige Amt schrieb diesen Zweck nieder. Am 22. Dezember 1964 leitete Alexander Böker, Ministerialdirigent in der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, in Bonn eine Hausbesprechung unter der Überschrift „Aktionsprogramm Indonesien“, an der Botschafter Werz und zehn Referate teilnahmen. Das am 7. Januar 1965 niedergeschriebene Protokoll gibt seine Argumentation in indirekter Rede wieder. Indonesien, sagte er, gelte als Barriere oder Sprungbrett des Kommunismus auf dem Weg nach Australien. Das nationale Interesse daran, dort eine deutsche Präsenz aufrechtzuerhalten, erfordere Opfer finanzieller Art, denen allerdings Grenzen gesetzt seien. Indonesien sei ein entscheidender Testfall. In derselben Sitzung berichtete Werz, was er dem indonesischen stellvertretenden Außenminister für den Fall angekündigt hatte, dass das Generalkonsulat der DDR zur Botschaft aufgewertet würde: den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und das Ende der Wirtschaftshilfe.28 Das war die Hallstein-Doktrin: Ab 1955 drohte Bonn jedem Staat, der die Deutsche Demokratische Republik (DDR) anerkannte, mit dem Abbruch der Beziehungen, und mit Jugoslawien hatte es das 1957 getan, mit Kuba 1963. Warum das so viel Gewicht hatte, erklärt der Historiker Baskara T. Wardaya von der Sanata-Dharma-Universität in Yogyakarta mit wenigen Worten: „Wenn man sich an die Geschichte erinnert: Es gab zwei Deutschlands, Westdeutschland und Ostdeutschland. Westdeutschland war sehr kapitalistisch und proamerikanisch. Deshalb mochten sie Sukarno nicht, und sie mochten die PKI nicht.“29
Noch offener ist das Protokoll dort, wo es festhält, wer was gesagt hat. Von Böker gefragt, ob umfangreiche Hilfe Sukarno davon abhalten werde, die DDR anzuerkennen, antwortete Werz, Sukarnos Autorität habe vorerst Bestand, und fügte hinzu: „Wenn wir weiterhelfen, stärken wir überdies die uns wohlgesinnten Kreise (wie z. B. die Armee u. a.)“. Bassler bemerkte, man müsse „die Durststrecke bis zu einem neuen Regime in Indonesien nach Sukarnos Ableben“ überstehen.30 In der zweiten Sitzung am 11. Januar 1965 gab Böker die Linie für alles Weitere vor: Die deutsche Politik sei „auf die Endphase des Sukarno-Regimes auszurichten“, und Werz und das Indonesienreferat waren sich einig, dass diese Phase begonnen habe.31 Neun Monate vor dem Putsch hatte Bonn also auf die Armee gesetzt und gab sich damit zufrieden, auf Sukarnos Sturz zu warten.
Zwei Jahre später räumte das Auswärtige Amt das ein, in einer Aufzeichnung, die das Haus nie verlassen sollte. Im Februar 1967 druckte die indische Zeitschrift Link, was sie als Geheimbericht der deutschen Botschaft ausgab. Das Auswärtige Amt hielt den Bericht für eine Fälschung und räumte in derselben Aufzeichnung ein, er beschreibe „genau unsere damalige Haltung“: Botschaft und Auswärtiges Amt hatten tatsächlich „im Hinblick auf die zuende gehende Ära Sukarno“ Pläne für weitere Hilfe zurückgestellt. Böker riet von einem Dementi ab. Ein Dementi würde sofort gegen Bonn gewendet werden, denn solange Sukarno formell noch Staatsoberhaupt sei, könne Bonn nicht erklären, es habe seine Hilfe mit Blick auf sein „zuende gehendes Regime“ zurückgehalten.32
Die Kommunisten vernichten: ein Argument für Unterstützung
Die Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts zeigen, dass Bonn von der ersten Woche an im Bilde war und dass seine Politik im Gleichschritt mit der Washingtons verlief.33 Im Auswärtigen Amt in Bonn wusste man, dass „die indonesischen Streitkräfte die kommunistische Partei systematisch vernichten“, wie Vortragender Legationsrat I. Klasse Hilmar Bassler am 3. Dezember 1965 festhielt. Er schrieb das nicht als Protest nieder, sondern als Argument dafür, drei Zollboote an das Regime zu exportieren. Weil die Streitkräfte die Partei „systematisch vernichten“ und bereits Fühler nach Malaysia ausgestreckt hätten, sei „im Zuge der politischen Veränderungen in Indonesien“ mit einem Abklingen der Spannung zwischen Indonesien und Malaysia zu rechnen. Die Boote, fügte er hinzu, seien unbewaffnet und zur Bekämpfung des Schmuggels bestimmt. Sein Referat hatte das Geschäft schon am 30. September, dem Tag vor dem Putsch, für rechtlich zulässig und „politisch gegenüber Grossbritannien vertretbar“ befunden. Was das Morden hinzufügte, war das politische Argument, und er schloss: „[…] sollte daher dem Geschäftsabschluss zugestimmt werden.“34 Sieben Monate zuvor hatte man genau diese Boote aus dem Hilfspaket herausgehalten. Bei einer Ressortbesprechung am 13. Mai 1965 waren sich alle Seiten einig gewesen, sie „wegen der Möglichkeit einer militärischen Verwendung“ nicht aufzunehmen; außerdem hätten sie das Paket weit über seine Grenze von 100 Millionen DM hinausgetrieben.35 An den Booten hatte sich bis Dezember nichts geändert. Geändert hatte sich, dass die Armee jetzt Kommunisten tötete.
Die finanzielle Unterstützung begann schon vor dem Putsch. Am 14. Januar 1965 schrieb Außenminister Gerhard Schröder, der Christdemokrat, nicht der spätere sozialdemokratische Kanzler, an Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker, um für Indonesien einen Sonderplafond von 100 Millionen DM für Ausfuhrbürgschaften des Bundes durchzusetzen. Er tat es mit einem Vorschlag, „der auf rein politischen Erwägungen fusst“, und wischte alle wirtschaftlichen Bedenken beiseite: Die Fortführung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sei, schrieb er, „das einzige uns vielleicht noch zur Verfügung stehende Mittel“, um Sukarno in der Deutschlandfrage zurückzuhalten, vor allem von der Anerkennung der DDR.36
Ein interner Vermerk des Wirtschaftsministeriums vom 17. März 1965 erinnert daran, dass das Kabinett den Plafond acht Wochen zuvor „unter der Drohung, ein sowjetzonales Generalkonsulat zuzulassen“, gebilligt hatte. „Sowjetzone“ nannte Bonn die DDR, die es nicht als Staat anerkannte. Im Dezember 1964 stand Bonn mit Bürgschaften von rund 500 Millionen DM für Indonesien im Obligo, und das Land gab 40 bis 45 Prozent seines Haushalts für die Verteidigung aus. Das Wirtschaftsministerium zog seinen Schluss: „Aus wirtschaftlichen Gründen ist eine weitere finanzielle Hilfeleistung gegenüber Indonesien nicht zu vertreten.“ Das Auswärtige Amt befürwortete die nächste Bürgschaft trotzdem.37
Kaum war der Putsch vorbei, wurde der finanzielle Hebel bei den neuen Herren angesetzt. Im November bereitete das Auswärtige Amt eine Unterlage für das Gespräch des Ministers mit Achmad Sukendro vor, einem Brigadegeneral und Staatsminister, den man im Amt für einen der schärfsten politischen Köpfe der Armee hielt. Unter „Die jüngste politische Entwicklung in Indonesien“ beginnt das Papier mit einer einzigen Zeile: „Die Armee hat die kommunistische Partei in den letzten Wochen weitgehend zerschlagen.“ Das Auswärtige Amt wollte auf eine Erhöhung der Ausfuhrbürgschaften des Bundes für Indonesien drängen, „sobald sich eine Normalisierung der Verhältnisse in Indonesien abzeichnet“.
Dann gibt das Papier dem Minister vor, was er sagen soll: dass die Bundesregierung die Entwicklung in Indonesien in den letzten Wochen mit größter Aufmerksamkeit verfolgt habe und „sie hoffe, daß es den Streitkräften gelingt, mit ihren tatkräftigen Maßnahmen gegen die Putschisten des 30. September Ruhe und Ordnung im ganzen Land wiederherzustellen“.38 Die tatkräftigen Maßnahmen waren jene, die dasselbe Ministerium Woche für Woche in seinen Akten festhielt. Staatssekretär Karl Carstens empfing Sukendro am 26. November 1965 und berichtete am Tag darauf in einem als Verschlusssache eingestuften Fernschreiben nach Jakarta darüber. Dann kam der Satz, auf den es ankommt: „Wir würden dennoch das in unseren Kräften Stehende tun, um Indonesien angesichts der gegenwärtigen Richtung seiner politischen Entwicklung zu unterstützen.“ Sukendro seinerseits erklärte, der Armeeführung seien schon Anfang September Pläne für die Ermordung von acht Generälen bekannt geworden, man habe diese Informationen aber als Provokation betrachtet und nicht ernst genommen. Der tragische Tod der sechs Generäle, seiner engen Freunde, habe den nichtkommunistischen Kräften „die Gelegenheit zum Handeln gegeben“.39 Welche „gegenwärtige Richtung“ die indonesische Politik im November 1965 hatte, weiß der Leser bereits. Im Mai 1968 folgte ein „Abkommen über Kapitalhilfe“.40
Bonns Geld ging vor, während und nach dem Morden an die Seite der Armee, jeweils in anderer Form. Vor dem Putsch kam es als Kreditbürgschaften und Darlehen, die nach Werz’ Worten auch „die uns wohlgesinnten Kreise (wie z. B. die Armee u. a.)“ stärken würden. Während des Mordens machte Bonn keine neuen Zusagen über öffentliche Gelder; stattdessen knüpfte es solche Zusagen an den Erfolg des Mordens. Am 8. November meldete Werz, kleine Hermes-Bürgschaften seien vorerst ausgesetzt. Am 10. Dezember berichtete Werz, ein hochrangiger indonesischer Beamter habe ihn „im Auftrag des Heeres“ um finanzielle Hilfe gebeten. Werz wollte zuerst wissen, „wohin Indonesien gehe“. Als man ihm versicherte, der „anti-kommunistische Kurs werde konsequent fortgesetzt“, sagte er zu, „trotz bestehender Etatschwierigkeiten die indonesischen Wünsche mit freundlichem Wohlwollen zu behandeln“. Sechs Tage später kabelte Washington, „Japan und Deutschland sind am besten in der Lage, frühzeitig Hilfe anzubieten“, und fragte seinen Botschafter, ob er, sein japanischer Kollege und Werz sich informell treffen könnten, „um Taktik und Strategie abzustimmen“. Der Geheimdienst ging weiter. Am 8. November 1965 verzeichnet eine BND-Akte die „dringende Bitte“ der Generäle um 1,2 Millionen DM in bar, „Geldmittel, die – aus naheliegenden Gründen – nicht der indonesischen Staatskasse entnommen werden können“, hauptsächlich für „Sonderaktionen gegen KP-Funktionäre“ und zur Durchführung von „gesteuerten Demonstrationen“. Eine solche Hilfe, hielt der BND fest, könne bei Bekanntwerden für Geldgeber wie Empfänger „kaum übersehbare Folgen“ haben. Auf dem Dokument steht der handschriftliche Vermerk „Abgelehnt Nichteinmischung“; ob überhaupt Geld gezahlt wurde, ist nicht bekannt. 1968 schrieb der neue BND-Chef Gerhard Wessel im Entwurf für einen Vortrag vor dem Vertrauensgremium des Bundestags, der Dienst habe dem indonesischen Nachrichtendienst und den Sondereinheiten der Armee „Unterstützung (Berater, Geräte, Geld)“ geleistet, als es um die „Zerschlagung der KPI“ ging, und nach Ansicht von Suharto, Nasution und dem Sultan komme dem BND ein „großer Anteil“ am Erfolg zu. Drei Jahre später berichtete Der Spiegel, der BND habe Indonesiens militärischen Nachrichtendienst 1965 „mit Maschinenpistolen, Funkgeräten und Geld (Gesamtwert: 300 000 Mark)“ versorgt, und ein Kommando von BND-Männern habe indonesische Nachrichtenoffiziere in Indonesien selbst ausgebildet. Keine bisher freigegebene Akte bestätigt die Einzelheiten der einen oder der anderen Meldung. Als das Morden vorbei war, floss das Geld offen: 1966 Umschuldung und ein Kredit über 50 Millionen DM, ein Kapitalhilfeabkommen über 75 Millionen DM im Mai 1968, 100 Millionen DM Kapitalhilfe bis 1969 und, in den Worten des Auswärtigen Amts, „alles Interesse, die derzeitige indonesische Regierung zu stützen“.41
Der deutsche Staat als Waffenhändler
Die Rüstungsakten zeigen, dass die Bundesrepublik den Lieferanten der Mörder nicht bloß die Genehmigungen erteilte. Über ein Unternehmen in ihrem Besitz war sie selbst einer der Lieferanten.
In einem Vermerk vom 27. Januar 1965 über ein Gespräch mit Indonesiens Drittem Stellvertretenden Ministerpräsidenten Chairul Saleh rühmt sich ein deutscher Beamter, die Hilfeleistung der Bundesrepublik sei „nicht auf den rein wirtschaftlichen Sektor beschränkt. Beispielsweise habe die bundeseigene Firma Fritz Werner, Berlin, Lieferverträge für Indonesiens Rüstungs- und Munitionsfabriken in den letzten Jahren über rd. 63 Millionen DM abgeschlossen.“42 Einen Teil des Waffengeschäfts mit Jakarta betrieb der deutsche Staat selbst.
Am 26. November 1965, mitten in den Massakern, vermerkte das Auswärtige Amt, beim Vorstandsvorsitzenden von Fritz Werner sei gerade ein Sonderbeauftragter General Nasutions vorstellig geworden, um mitzuteilen, dass der General weiterhin an der Sprengstofffabrik interessiert sei, Auftragswert 80 Millionen DM; die Anlage, fügt der Vermerk hinzu, sei für den militärischen wie für den zivilen Bedarf bestimmt. Westliche Unterstützung in dieser Form, ließ Nasution durch seinen Sonderbeauftragten hinzufügen, sei für die Armeeführung besonders nützlich und unentbehrlich, wenn sie vom Ostblock unabhängig werden wolle; auch eine tschechische Firma bemühe sich um den Auftrag.43 Bis März 1968 hatte dieselbe Firma mit der indonesischen Regierung, vertreten durch den „Minister Commander in Chief of the Indonesian Army“, einen Vertrag über die Lieferung von Ersatzteilen und Waffen unterzeichnet, darunter 250 Schnellfeuergewehre BM 59, 9.750 Verschlüsse und 5.000 Läufe. Herstellen und verschiffen sollte die Waffen Pietro Beretta im italienischen Brescia, „in unserem Auftrag“, und zwar von Brescia über Hamburg nach Jakarta.44
Die Sorge, die deutsche Herkunft dieser Waren zu verbergen, zieht sich von 1965 bis 1968 durch die Akte. Am 26. Oktober 1965, als das Massaker in vollem Gang war, ließ das Indonesienreferat des Auswärtigen Amts seine Einwände gegen die „Ausfuhr von Pistolengriffen“ fallen und bat das Genehmigungsreferat, sie zu genehmigen. Zwei Gründe werden genannt. Der Auftrag sei gering. Und: „Es wäre nicht zu vertreten, wenn wir der indonesischen Armee, die zur Zeit gegen die kommunistische Partei mit Waffengewalt vorgeht, diese indirekte Hilfe verweigern würden.“ Dann folgt die Anweisung: Es solle darauf geachtet werden, „daß die Pistolengriffe kein Kennzeichen als deutsches Produkt erhalten“.45 Zwei Wochen später, am 11. November, argumentierte Basslers Referat bei Schwimmwesten für Armee und Marine genauso. Gerade jetzt, schrieb es, sollten Anträge wie dieser, aus denen man Bonn keinen Vorwurf machen könne, genutzt werden, „um unsere Aufgeschlossenheit gegenüber der indonesischen Armee und Marine zu bekunden“.46 Im November 1968 stimmte das Auswärtige Amt einem Antrag der Industriewerke Karlsruhe AG zu, 20.000.000 Patronen Kaliber 7,62 mm an die indonesische Armee auszuführen, ausdrücklich „ohne NATO-Markierung“.47
Das Morden als Verkaufsargument
Noch vor Weihnachten stand das Argument. Am 20. Dezember 1965 legte Dr. Fröwis aus Basslers Referat diesem einen Vermerk über „Waffenlieferungen nach Indonesien“ vor. Die Bundesregierung, hieß es darin, befinde sich in der außerordentlich schwierigen Lage, die indonesischen Streitkräfte, „die die kommunistische Partei weitgehend zerschlagen haben“ und im Begriff seien, dem Land eine neue politische Richtung zu geben, nicht einmal indirekt, durch Ausfuhrgenehmigungen für Waffen und militärische Ausrüstung, unterstützen zu können. Halte der Westen an seinem faktischen Embargo fest, bleibe der Armee kein anderer Ausweg, als sich an Moskau zu wenden. Das Verbot, so hatte Fröwis bereits einem Mitarbeiter der britischen Botschaft erklärt, müsse wegen des Umsturzes in Indonesien unter Umständen in absehbarer Zeit überprüft werden.48 Die Zerschlagung der Partei war kein Grund, sich zurückzuhalten. Sie war der Grund zu liefern.
Ein Dokument sagt unverblümt, warum das Geschäft nun zustande kommen sollte. Am 28. Januar 1966 verfasste der Leiter der Abteilung III des Auswärtigen Amts eine Aufzeichnung über die Ausfuhr von Sprengstoffanlagen nach Indonesien. Der Industriekonzern Ferrostaal hatte schon im Juni 1965, fast vier Monate vor dem Putsch, angefragt, ob er mit einer Ausfuhrgenehmigung für 15 komplette „Anlagen zur Herstellung von Sprengstoffen“ rechnen könne, mit einer „Monatskapazität von fast 2000 Tonnen Sprengstoffen, Pulver und Zwischenprodukten, 1100 km Zündschnur und 1,1 Mio Sprengkapseln“. Das Werk veranschlagte den Preis der Anlage auf rund 40 Millionen DM. „Auftraggeber ist die indonesische Armee“, heißt es in der Aufzeichnung.
Dann kommt das erste Argument für eine Genehmigung, und es ist das Morden: Weil die Armee „sich in Indonesien weitgehend gegen die Kommunisten durchgesetzt hat“, könne damit gerechnet werden, dass einige der bisherigen außenpolitischen Ziele der dortigen Regierung nicht mehr mit demselben Nachdruck verfolgt würden. Gegenstand dieser Ziele war die Konfrontation mit Malaysia, die Konfrontasi, Sukarnos unerklärter Krieg gegen die Gründung der Föderation Malaysia von 1963 bis 1966. Sie war das Haupthindernis dafür, dass die indonesische Armee deutschen Sprengstoff verwenden konnte; solange Großbritannien bereitstand, Malaysia zu verteidigen, wollte Bonn nicht als Ausrüster der Gegenseite dastehen. Doch die Vernichtung der Kommunistischen Partei entschärfte dieses Hindernis, und ein deutscher Beamter notierte es als Grund für einen Verkauf. Der Konflikt, räumte die Aufzeichnung ein, sei noch nicht beigelegt; da sich die Ausführung des Auftrags aber über mindestens zwei bis drei Jahre erstrecken dürfte, solle der Konflikt kein Anlass sein, „unsere Interessen, die für die Durchführung der Lieferung sprechen, zu opfern“.
Der Rest der Aufzeichnung ergibt sich daraus. Die Aufträge der indonesischen Armee abzulehnen, würde bedeuten, „daß wir die Kräfte, die wir stützen wollen, schwächen und damit den noch vorhandenen kommunistischen Elementen indirekt in die Hände arbeiten“. Und ihren Wünschen zu entsprechen, „würde unsere Position gerade bei den politisch entscheidenden Rechtskreisen wesentlich stärken“.49 Ob die Anlagen je geliefert wurden, geht aus den Akten nicht hervor. Am 22. Februar 1966 schrieb Basslers Referat mit Blick auf die neuerliche innenpolitische Entwicklung in Indonesien und auf einen Malaysia-Konflikt, mit dessen baldiger Beendigung noch nicht gerechnet werden könne, Ausfuhrgenehmigungen würden „zur Zeit noch nicht erteilt werden“, und schlug vor, die Sache in etwa zwei Monaten wieder aufzugreifen.50 Dann verstummt die Akte. Was bleibt, ist das Argument, und das Argument war das Morden.
Von hier an wird die Akte zur Liste. Am 1. Februar 1966 bat Rheinstahl Hanomag das Verteidigungsministerium um die Erlaubnis, in Indonesien für Panzerfahrzeuge zu werben, „in erster Linie“ für den Kanonenjagdpanzer. Das Auswärtige Amt brauchte bis zum 8. Juli 1966, um seine Einwände fallen zu lassen. Dann erklärte es, die Verhältnisse zwischen Indonesien und Malaysia hätten sich so weit beruhigt, dass es „keine Bedenken mehr“ habe, wies aber darauf hin, daraus lasse sich kein Anspruch auf eine spätere Verkaufsgenehmigung ableiten.51 Wenige Tage zuvor, am 30. Juni, hatte das Wirtschaftsministerium den Antrag von Fritz Werner weitergeleitet, beim Sprengstoffhersteller Dynamit Nobel 255.800 Kilogramm Nitroglycerinpulver zum Versand nach Indonesien zu kaufen. Basslers Referat empfahl am 4. Juli die Genehmigung, weil der Konflikt mit Malaysia friedlich beigelegt sei, weil in Indonesien nun eine Regierung an die Macht gekommen sei, „die mit der freien Welt zusammenzuarbeiten bereit ist“, weil eine Ablehnung die deutsch-indonesischen Beziehungen belasten und „praktisch nur die subversiven Kräfte begünstigen“ würde und weil die früher gute Zusammenarbeit zwischen Fritz Werner und der indonesischen Armee möglichst bald wiederhergestellt werden solle. Die Antwort, datiert vom 7. Juli, ging am nächsten Tag hinaus: „keine Bedenken“.52 Am 1. April 1968 teilte die Genehmigungsbehörde dem Auswärtigen Amt mit, Fritz Werner habe die Ausfuhr von 42.000 verschiedenen Einzelteilen für das Gewehr BM 59 im Wert von 3.791.730 DM beantragt, Käufer und Endempfänger: der Minister Commander in Chief of the Indonesian Army. In der Zeile für den Verbleibsnachweis steht ein Strich. Eine Hand hat an den Rand geschrieben: „Kein Bedenken“ [sic].53 Am 24. Juni 1968 fragte das Wirtschaftsministerium wegen 10.000 G3-Gewehren von Heckler & Koch, dem Standardsturmgewehr der Bundeswehr, für die indonesische Armee an. Ein Referent schrieb binnen zwei Tagen „keine Bedenken“ auf das Schreiben; die Freigabe folgte am 27. Juni. Im November wurden weitere 20.000 Gewehre freigegeben, im Wert von rund 7 Millionen DM. Wieder: „keine Bedenken“.54 Eine handschriftliche Notiz in der Heckler-&-Koch-Akte ergänzt, dass Rheinmetall nach Mitteilung des Wirtschaftsministeriums schon 1960/61 10.000 Gewehre an Indonesien geliefert habe. Das Geschäft war älter als das Massaker.55
Zusammengerechnet belegen allein die deutschen Akten für die Jahre 1960 bis 1968 folgende Lieferungen, Genehmigungen und Anträge für das indonesische Militär: mindestens 40.250 Gewehre (10.000 von Rheinmetall 1960/61, 30.000 G3 von Heckler & Koch und 250 BM 59 im Jahr 1968), dazu 9.750 Gewehrverschlüsse, 5.000 Läufe und 42.000 Ersatzteile; 20.000.000 Patronen Kaliber 7,62 mm; 255.800 Kilogramm Nitroglycerinpulver; ein Sprengstoffprojekt für die Armee, allem Anschein nach ein und dasselbe, betrieben über Ferrostaal und Fritz Werner und mit 40 bis 80 Millionen DM bewertet; sowie Verträge über 63 Millionen DM für Indonesiens Rüstungs- und Munitionsfabriken vor dem Putsch. Das ist die Arithmetik von „keine Bedenken“.
Die Arithmetik von „keine Bedenken“
Lieferungen, Genehmigungen und Anträge für das indonesische Militär, die die deutschen Akten belegen, in der Reihenfolge der Entscheidungen. Die Zeilen über der Linie liegen vor dem Putsch.
| Datum | Was | Menge | Firma | Die Akte sagt | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|
| 1960/61 | Gewehre | 10.000 | Rheinmetall | handschriftliche Notiz in der Heckler-&-Koch-Akte, nach Mitteilung des Wirtschaftsministeriums | Anm. 55 |
| 27. Jan. 1965 | Lieferverträge für Rüstungs- und Munitionsfabriken | ≈ 63 Mio. DM | Fritz Werner | „bundeseigene Firma“ | Anm. 42 |
| 13. Mai 1965 | Zollboote | 3 | — | aus dem Hilfspaket herausgehalten, „wegen der Möglichkeit einer militärischen Verwendung“ | Anm. 35 |
| 1. Okt. 1965 — die Armee übernimmt das Land | |||||
| 26. Okt. 1965 | Pistolengriffe für die Armee | — | — | „kein Kennzeichen als deutsches Produkt“ | Anm. 45 |
| 11. Nov. 1965 | Schwimmwesten für Heer und Marine | — | — | „um unsere Aufgeschlossenheit gegenüber der indonesischen Armee und Marine zu bekunden“ | Anm. 46 |
| 26. Nov. 1965 | Sprengstofffabrik | 80 Mio. DM | Fritz Werner | Nasutions Sonderbeauftragter: der General bleibt interessiert | Anm. 43 |
| 3. Dez. 1965 | Zollboote, dieselben drei | 3 | — | weil die Streitkräfte „die kommunistische Partei systematisch vernichten“ | Anm. 34 |
| 28. Jan. 1966 | Komplette Sprengstoffanlagen | 15 · ≈ 40 Mio. DM | Ferrostaal | vom Auswärtigen Amt befürwortet; Genehmigungen am 22. Februar 1966 zurückgestellt | Anm. 49Anm. 50 |
| 7. Juli 1966 | Nitroglycerinpulver | 255.800 kg | Dynamit Nobel, für Fritz Werner | keine Bedenken | Anm. 52 |
| 8. Juli 1966 | Werbung für den Jagdpanzer | — | Rheinstahl Hanomag | keine Bedenken mehr | Anm. 51 |
| 18. März 1968 | Gewehre BM 59 · Verschlüsse · Rohre | 250 · 9.750 · 5.000 | Fritz Werner, gefertigt von Beretta | Käufer: der „Minister Commander in Chief of the Indonesian Army“ | Anm. 44 |
| 1. Apr. 1968 | Einzelteile für das BM 59 | 42.000 · 3.791.730 DM | Fritz Werner | Verbleibsnachweis: ein Strich Kein Bedenken | Anm. 53 |
| 27. Juni 1968 | Sturmgewehre G3 | 10.000 | Heckler & Koch | keine Bedenken | Anm. 54 |
| Nov. 1968 | Sturmgewehre G3 | 20.000 · ≈ 7 Mio. DM | Heckler & Koch | keine Bedenken | Anm. 54 |
| Nov. 1968 | Munition 7,62 mm | 20.000.000 Patronen | Industriewerke Karlsruhe | „ohne NATO-Markierung“ | Anm. 47 |
Summen, wie der Text sie allein aus den deutschen Akten zusammenrechnet. Die Stempel geben den Wortlaut der Akten wieder.
Die Bundeswehr, der BND und die Mörder
Der deutsche Beitrag beschränkte sich nicht auf Material. Am 15. November 1965 schickte die Botschaft Charakterskizzen des neuen indonesischen Armeestabs nach Bonn. Über Brigadegeneral Sumitro berichtete sie:
„Sumitro verdiente sich seine Sporen, als er seit dem Januar ds.Js. als frischgebackener Brigadegeneral in der Provinz Ostkalimantan in wenigen Monaten geräuschlos mit den von seinem Vorgänger Suharjo hochgezüchteten und geförderten Kommunisten aufräumte. Sumitro absolvierte ein Jahr an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er ist eine der politischen Hoffnungen der Armee.“56
Eine deutsche Botschaft führte in einem amtlichen Bericht die Säuberung von Kommunisten und ein Ausbildungsjahr bei der Bundeswehr nebeneinander auf, als Qualifikationen. Mit dem Völkermord endete die Verbindung auch nicht. Konsultationsunterlagen vom Januar 1969 halten fest, dass jedes Jahr zwei bis drei indonesische Offiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr ausgebildet wurden und dass der Generalinspekteur der Bundeswehr, Ulrich de Maizière, kurz zuvor in Jakarta zugesagt hatte, indonesische Wünsche nach deutscher Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe zu unterstützen, falls solche Wünsche vorgebracht würden. Am 7. Januar 1969 in Paris brachte der Politische Direktor des Auswärtigen Amts Bonns Ziel gegenüber den Franzosen auf einen Satz: „Politisch gesehen hat Bundesrepublik alles Interesse, die derzeitige indonesische Regierung zu stützen“.57 Bonn hatte schon früher angeboten, für indonesische Offiziere zu zahlen. Im März 1965 erklärte es sich bereit, die Reisekosten von drei Offizieren aus Sukarnos Garderegiment zu übernehmen, dem Tjakrabirawa, dem Regiment, in dem Oberstleutnant Untung, der Offizier, der den Putsch vom 30. September anführte, ein Bataillon befehligte.58
Ein geheimes Fernschreiben der Botschaft in Jakarta vom 11. Oktober 1967, eingegangen am 12. Oktober, zeigt, wie weit die Zusammenarbeit gehen sollte. Der Militärattaché habe „ausbildung indonesischer nachrichtenoffiziere beim bnd“, dem Bundesnachrichtendienst, „und zusammenarbeit bzw. nachrichtenaustausch ueber kommunismus befuerwortet“. Botschafter Luedde-Neurath hatte nichts dagegen einzuwenden, sofern der Empfänger der zentrale indonesische Nachrichtendienst sei. Dasselbe Fernschreiben meldete, dass ein Hauptmann a. D. aus einer besonderen Nachrichteneinheit der Siliwangi-Division von zwei Generälen entsandt worden war, um in der Bundesrepublik und in Holland die Tätigkeit von Gruppen zu untersuchen, die in Opposition zum amtierenden Staatsoberhaupt Suharto standen. Die Sorge des Botschafters war, dass es „zu politischem aerger fuehren“ könne, wenn das bekannt würde.59 Einen Tag zuvor, am 10. Oktober 1967, vertrat das Bundesministerium des Innern die Auffassung, die Kontakte des indonesischen Nachrichtendienstes solle das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der Inlandsgeheimdienst, wahrnehmen, weil der indonesische Dienst sich „für seine Landsleute in der Bundesrepublik Deutschland zu interessieren“ scheine. Das Ministerium riet zur Zurückhaltung, mit Blick auf den öffentlichen Skandal um die Überprüfung indonesischer Studenten in Deutschland durch die indonesische Botschaft. Doch Bonn wusste, worauf es der indonesische Dienst auf deutschem Boden abgesehen hatte.60
„Blut, Leichen, Beine, Köpfe“

Was die deutschen Akten in der trockenen Sprache des diplomatischen Fernschreibens beschreiben, schildern die Überlebenden mit ihren eigenen Worten. Für unseren Dokumentarfilm haben wir sie in Indonesien interviewt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen.
In ihren eigenen Worten
WarnungDiese Zeugnisse schildern Folter, Vergewaltigung und Mord. Die Untertitel sind die deutschen Untertitel des Films; die Transkripte folgen ihnen.
Einer von ihnen kehrte mit uns an das Massengrab zurück, in dem seine Familie ihr Ende fand: „Früh am Morgen sind wir durch diesen Wassertunnel hier rein und haben erfahren, dass sie meine Familie, meine Onkel, den älteren und den jüngeren Bruder meines Vaters, alle geholt hatten … Es hat sich herausgestellt, dass sie Leichen geworden waren. Hier, auf diesem Begräbnisplatz. Da haben wir Blut gesehen, Leichen, Beine, Köpfe. Manche waren schon zerstückelt. Es waren viele.“61
Bedjo Untung war ein Schüler aus Pemalang in Zentraljava. Sein Vater wurde Anfang Oktober 1965 abgeholt und kam nie zurück. Ihn selbst fassten sie fünf Jahre später: „Ich musste meine Kleider und meine Hose ausziehen. Die Spitze meines Zeigefingers wurde an einen Draht gebunden, der unter Strom stand. Ich bekam Stromschläge und wurde mehrmals geschlagen.“ Was er in der Haft mit ansah, fasste er in einem Satz zusammen: „Sie bekamen Stromschläge, wurden geschlagen, aufgehängt und dann mit Rasiermessern in Stücke geschnitten. Manchen wurde sogar der Kopf abgeschlagen.“62
Die Gewalt war auch sexuelle Gewalt, und sie machte auch vor Kindern nicht halt. Eine Frau erzählte uns, was geschah, als ein Trupp kam, um ihren Vater zu holen: „Sie haben meiner Mutter die Hände gefesselt und sie ins Schlafzimmer gebracht. Mich haben sie derweil festgehalten und gepackt. Ich wurde von fünf Männern vergewaltigt. Stellen Sie sich das vor, ich war erst 14, und fünf Männer haben mir das angetan. Ich habe keine Luft mehr bekommen, ich dachte sogar, ich würde sterben.“ Eine andere, Frau Saenah, war 1965 eine junge Frau, als die Männer Nacht für Nacht kamen, um ihren Vater und ihren Bruder zu holen. Der Vorwurf lautete wie immer: Mitgliedschaft in der PKI. „Ich wurde vergewaltigt. In diesem Büro … ich wurde … dreimal, das weiß ich. Sie haben sich abgewechselt! Oh Gott, ich … Gott, ich habe geweint … ich war wohl bewusstlos …“63
Andere wurden gezwungen, der Todesmaschinerie zu Diensten zu sein. Martono, ein Schweißer, wurde im November 1965 vom Fallschirmkommandoregiment RPKAD verschleppt, geschlagen, beinahe verbrüht und dann zur Arbeit eingesetzt: „Wenn sie Leute mit Strom getötet hatten, und mit der Zeit, da haben sie mir gesagt, ich soll mich darum kümmern. Jedes Mal, wenn sie viele Leichen hatten, haben sie mich gerufen: ‚Martono!‘ Dann musste ich sie holen. Ich habe die Leichen weggeschleift. Eigentlich war ich ja ein Gefangener. Ich hatte keine Wahl, ich wurde gezwungen. Hätte ich mich geweigert, wäre ich heute tot.“ Ein anderer Mann musste die Leichen in den Fluss werfen: „Hier haben wir Leichen in den Fluss geworfen. Damals sind sie einfach hinuntergerollt. Ich weiß noch, jedes Mal, wenn ich die Leichen hineingeworfen habe, habe ich ein Gebet gesprochen: ‚Oh Herr, das sind deine Geschöpfe.‘“64
Die Willkür des Terrors zeigt sich in einem einzigen Detail aus einem weiteren Interview. Der Onkel des Erzählers stand im Verdacht, der BTI anzugehören, der Bauernfront der PKI, „weil sie bei ihm im Haus einen Hut gefunden haben, einen Bauernhut mit den Buchstaben ‚BTI‘. Also wurde er auch hingerichtet.“ Das war der ganze Beweis. Im Botanischen Garten, erinnerte sich derselbe Zeuge, wurden die Opfer mit Schwertern enthauptet: „Sie wurden verstümmelt, zerhackt und abgeschlachtet.“65
Die Täter bestätigten all das, ohne Reue. Ein Milizionär beschrieb, wie er sich bewaffnete: „Die Idee war Dschihad. Also dachte ich, ich suche mir eine Waffe. Ich bin auf den Markt gegangen und habe nach Eisen gesucht. Daraus wurde eine prächtige Axt gemacht. Scharf.“ Er wurde als Burhan Kampak bekannt, Burhan die Axt. Dann nahm ihn der Staat in die Schule: „Dann haben wir uns mit den Streitkräften abgestimmt. Sie haben uns ausgebildet, Studenten und junge Leute, damit wir geschickter werden.“ Und gleich danach, ohne dass ihn jemand gefragt hätte, klärt er die Frage, wer hier wen angriff: „Wir haben keine Vergeltung geübt, nein, aber wir mussten sie töten.“ Es gab nichts zu vergelten. Sie töteten trotzdem.
Alles Weitere, was uns die Täter erzählten, klingt genauso flach. Zur Dauer der Arbeit: „Es war damals unglaublich, von 1965 bis 1968. Überall sonst war schon alles vorbei. Hier hat es drei Jahre gedauert, die Säuberung.“ Auf die Frage, wie viele Menschen er getötet habe: „Na ja, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls, wenn ich sie getroffen habe, hieß es: du stirbst oder ich sterbe. Das war’s.“ Auf die Frage, ob es irgendeinen Prozess gegeben habe: „Na ja, nein, ein Gericht war nicht nötig, wir waren im Krieg. Die Lage war ein Krieg. Also gab es kein Gericht. Es war Krieg, Bruder.“ Und auf die Frage, ob er denn gar keine Reue empfinde: „Reue? … Ach nein … Ich war begeistert! Ich bereue nichts, denn sie waren unsere Feinde.“66
Wer die Massaker überlebte, verschwand in den Lagern. Bedjo Untung war einer von ihnen. Im Salemba-Gefängnis in Jakarta saß er in einem Block, der so überfüllt war, „dass sogar die Toiletten als Haftzellen benutzt wurden“, und in dem die Gefangenen Kanalratten fingen und aßen, weil es so wenig zu essen gab. Er wurde 1970 verhaftet und 1979 freigelassen: neun Jahre Haft ohne irgendein rechtliches Verfahren.67 Insgesamt wurden zwischen 800.000 und drei Millionen Indonesier getötet, und Hunderttausende weitere wurden verstümmelt, vergewaltigt oder jahrelang eingesperrt, manche jahrzehntelang.
Das Morden, das sie schildern, steht in den Akten der Bundesregierung, in ihrer bürokratischen Sprache: „unmenschliche Grausamkeit“, „kurzen prozess“, „Mordwelle“, „entsetzliches Blutbad“, „vollständig ausgerottet“.

Was Deutschland wusste
Von den ersten Wochen des Mordens bis ins Jahr 1966 erfuhr Bonn Woche für Woche, wie viele gestorben waren, in welcher Provinz und wann. Die Kette reißt nirgends ab: die Probeverhaftungen und die gerüchteweise gemeldeten Begräbnisse vom Januar 1965, die Offiziere, die im Juni erklärten, sie warteten auf ihren Augenblick, die Flugblätter vom Oktober mit dem Aufruf zum Heiligen Krieg, die Bilanzen vom Dezember, die geheime Zahl von fast 800.000 im Februar 1966.
Am 25. Oktober 1965 meldete Attaché Meyer, die Streitkräfte hätten den Feldzug gegen die PKI über die muslimische Partei und ihre Anhänger eröffnet, „jedoch mit wohlwollender Förderung durch die Streitkräfte“. Angeblich entdeckte PKI-Dokumente, fügte er hinzu, hätten die Begründung dafür geliefert, die Maßnahmen zu verschärfen und fortzusetzen.68 Am 29. Oktober gab ein Fernschreiben mit großem Verteiler in Bonn den Bericht des dpa-Korrespondenten wieder, gekabelt unter dem Decknamen „der bekannte Gewährsmann“, den Werz „ohne eigene stellungnahme“ weiterleitete. Es gab ungeprüft Meldungen über kommunistische Morde und Brandstiftungen wieder, mindestens 150 Tote in Ost- und Mitteljava und 21 in Balikpapan, und nannte das, was darauf folgte, „weissen gegenterror“: mindestens 500 von Menschenmengen getötete Kommunisten in Nordsumatra, und auf der Insel Madura vor Ostjava sei „kein aktiver kommunist mehr am leben“. Fallschirmjäger machten mit Gefangenen offenbar „kurzen prozess“, und Rebellengruppen seien in ödes Land abgedrängt worden, „um sie dort buchstaeblich auszuhungern“. Der BND sah dasselbe. Sein Bericht vom 3. November 1965, abgelegt unter dem Betreff „Föhrenwald“, beschreibt „ein regelrechtes Abschlachten von Kommunisten“ in Mittel- und Ostjava, „in erster Linie durch fanatische Moslems“, und hält fest, die vielen antikommunistischen Aktionen seien „selbstverständlich von der Armeeführung sorgfältig vorbereitet“.69
Am 29. November 1965 gab Botschafter Werz folgende Information nach Bonn weiter: „nach einer vertraulichen information von armeeseite ist pki-chef aidit am 21. november bei solo [Surakarta] in mitteljava vom militaer gefasst und am folgenden tag erschossen worden.“70 Dipa Nusantara Aidit war der Vorsitzende der PKI. Seinen Bericht vom 14. Dezember 1965 mit dem Betreff „Verluste der indonesischen Bevölkerung seit 1. Oktober d.J.“ eröffnete Werz so: „Der Kampf der Armee und der Moslems gegen die Kommunisten wird außerhalb Djakartas mit verbissener Härte und zum Teil unmenschlicher Grausamkeit geführt.“ Die staatliche Nachrichtenagentur Antara, schrieb er, veröffentliche täglich Meldungen über die Gefangennahme und Tötung von Kommunisten, die nach ihrer Darstellung Widerstand geleistet hätten, doch ihre Zahlen blieben nach den bisher vorliegenden Informationen der Botschaft „weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die wahren Verlustzahlen übertreffen die offiziellen Angaben um ein Vielfaches.“ Seine eigenen Zahlen, von Zeugen in den Provinzen, aus vertraulichen indonesischen Berichten und von befreundeten Vertretungen, seien nach seinen Worten wohl noch zu niedrig, und weitere schwere Verluste seien zu erwarten. Dann die Tabelle: Ostjava rd. 50.000 Tote, meist Kommunisten; Mitteljava rd. 40.000, Kommunisten und Nichtkommunisten; Westjava einschließlich Jakarta rd. 10.000, weitaus überwiegend Kommunisten; Nordsumatra rd. 20.000, weitaus überwiegend Kommunisten; Aceh rd. 3.000, ausschließlich Kommunisten; Madura rd. 2.000, ausschließlich Kommunisten; Bali rd. 3.000, überwiegend Kommunisten.71 Zusammengerechnet: rund 128.000 Tote bis Mitte Dezember 1965.
Die Zählung der Botschaft, Provinz für Provinz
Bericht 1518/65, „Verluste der indonesischen Bevölkerung seit 1. Oktober d.J.“. Werz schrieb, seine eigenen Zahlen seien wohl noch zu niedrig.
Quelle: Botschaftsbericht Nr. 1518/65, Djakarta, 14. Dezember 1965, VS-NfD. PA AA, B 37 REF. IB5, Bd. 170, Scans B-08–B-10 · · Anm. 71
Dieser Bericht bietet keinerlei Grundlage für eine spätere Behauptung, Bonn habe das Wesen der Gewalt nicht begriffen. Werz notierte, auf Madura und in Aceh hätten fanatische Muslime mit einer kommunistischen Präsenz, die dort ohnehin nie sehr stark gewesen sei, kurzen Prozess gemacht. Der Militärgouverneur von Aceh an der Nordspitze Sumatras habe dem Provinzparlament mitgeteilt, das PKI-Verbot habe in seinem Bereich nur noch theoretische Bedeutung, „infolge der physischen Auslöschung der Kommunisten dort“.72
In Nordsumatra wurden nach zuverlässigen Angaben jede Woche etwa 2.000 Menschen getötet, fast alle Kommunisten. Die Botschaft hielt fest, wie methodisch dabei vorgegangen wurde: „In einem fast stereotypen Vorgang verlädt die Armee bei Razzien kommunistenverdächtige Menschen auf LKW’s, die in einiger Entfernung später von einer erregten Menschenmenge angehalten werden. Nach einigen symbolischen Warnschüssen der Armee werden die Häftlinge dann der Bevölkerung überlassen und von dieser umgebracht.“
Dann Java. Die amerikanische Botschaft bezifferte die Toten dort auf 100.000, eine Zahl, die nach dem Befund der deutschen Botschaft mit ihren unabhängigen Informationen übereinstimmte. Auf Bali lief die „Mordwelle“ erst seit etwa zwei Wochen. Eine erste Welle von Ausschreitungen Mitte November hatte zahlreiche Häuser von Kommunisten in Brand gesetzt; dann, um den 1. Dezember, verlegte die Armee sechs Panzer aus Probolinggo in Ostjava auf die Insel, und diese richteten, als sie auf Widerstand stießen, in der Provinzstadt Negara „ein entsetzliches Blutbad“ an. Eine balinesische Lokalzeitung berichtete, allein in Negara seien 1.506 Menschen ums Leben gekommen. Die vergleichsweise niedrigen Zahlen für Westjava führte die Botschaft auf die mäßigenden Bemühungen des Militärgouverneurs in Bandung zurück, Generalmajor Ibrahim Adjie, desselben Adjie, dessen Probeverhaftungen der deutsche Attaché elf Monate zuvor gemeldet hatte. Adjie sagte jetzt, er fürchte von den fanatisierten Muslimen Schlimmeres als von den Kommunisten.
Dann, am Ende des Berichts, eine Zeile über die Lebenden. Über die Zahl der in Gefängnissen und Lagern Festgehaltenen seien noch keine genaueren Aufschlüsse zu gewinnen gewesen, schrieb Werz, doch in den Zeitungen häuften sich die Klagen, man wisse nicht mehr, wo der ständig wachsende Strom der Verhafteten untergebracht werden solle. Er dürfte sich, fügte er hinzu, auf mehrere Hunderttausend belaufen.73 Wenige Tage später meldete die Botschaft, in Medan, der größten Stadt Sumatras, seien rund sechzig Chinesen „mit stillschweigender Duldung der Armee“ ermordet worden.74 Nichts davon blieb Bonn verborgen; alles steht in den Akten.
Am 17. Dezember 1965 hielt das Büro des Staatssekretärs die Einschätzung des politischen Referenten der Botschaft fest. General Sukendro habe bei seinem Besuch in Bonn die offiziellen Opferzahlen vorgetragen; diese, heißt es in der Aufzeichnung trocken, „seien jedoch unrichtig“. Eine indonesische Quelle beziffere die Getöteten allein in Ostjava auf 14.000 und in Nordsumatra bisher auf 15.000 bis 20.000, „und zwar ausschließlich Kommunisten“. In Aceh und auf Madura sei die Kommunistische Partei „vollständig ausgerottet“, in Aceh mit 3.000 Toten. Von den 2.000 Mitgliedern der kommunistischen Jugendorganisation, die, wie die Aufzeichnung lapidar feststellt, an der Entführung und Ermordung der sechs Generäle wesentlich beteiligt gewesen seien, „lebe kaum noch einer“. Das Militärtribunal, heißt es weiter, „werde Mühe haben, genügend Angeklagte zu finden“. Dann folgt der Satz, der zusammenfasst, was Bonn wusste:
„Das Morden gehe in der Stille, aber mit unglaublicher Verbissenheit und Grausamkeit weiter.“75
Am 21. Februar 1966 kabelte die Botschaft, als geheim eingestuft, nach Bonn, was ihr über die Ergebnisse von Sukarnos eigener Untersuchungskommission berichtet worden war:
„waehrend sukarno behauptete, die zahl der nach dem putsch getoeteten sei 87.500, habe die kommission in wirklichkeit festgestellt, dass sie fast 800.000 betrage. vor allem auf sumatra und bali habe ein blutvergiessen ungeheuren ausmasses stattgefunden. auf bali habe man ganze doerfer umgebracht, da beleidigung der hindu-religion jeweils durch toetung der ganzen sippe geahndet werde.“76
Eine Zahl von fast 800.000 Toten lag dem Auswärtigen Amt im Februar 1966 vor, mit dem Stempel „Geheim“. Auf der nächsten Seite gibt der Botschafter eine noch höhere Zahl weiter: „auch von anderer seite hoere ich, dass die zahl der getoeteten viel hoeher sei als von sukarno zugegeben. ein mitglied des indonesischen geheimdienstes in surabaja beziffert sie auf eineinhalb millionen.“ Die oben beschriebenen Waffengenehmigungen von 1966 und 1968 kamen alle erst danach. Und doch erklärte die Bundesregierung 2014 dem Bundestag, sie habe „keine genauen Erkenntnisse“ über die Zahl der Opfer.77 Die eigenen Akten der Regierung sagen etwas anderes.
Die Zahl der Toten in den Bonner Akten
Jede der folgenden Zahlen erreichte das Auswärtige Amt zwischen Dezember 1965 und Februar 1966. Die Rüstungsgenehmigungen von 1966 und 1968 kamen alle danach.
Quellen: Bericht 1518/65 (), geheimes Fernschreiben Nr. 59 vom 21. Februar 1966 (), Bundestagsdrucksache 18/1554 (). Der graue Balken ist Sukarnos öffentliche Zahl, nicht die der Botschaft.
Nazis für Jakarta
Sieben Männer leiteten die Vertretung zwischen 1952 und 1970, und sechs von ihnen waren NSDAP-Mitglieder oder NS-Propagandisten gewesen: Fünf waren Mitglieder der NSDAP, der sechste hatte NS-Propaganda für Ostasien gemacht. Jeder der sechs, die auf den ersten Botschafter Werner Otto von Hentig folgten, hatte seine Laufbahn im Auswärtigen Dienst zwischen 1933 und 1945 aufgebaut. Sie dienten unter Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister.
Die Parteinummern sind aktenkundig. Dietrich von Mirbach, Botschafter von 1959 bis 1963, trat am 1. Mai 1933 mit der Nummer 2.781.465 ein und gehörte bis 1935 der SA an, der Sturmabteilung der NSDAP; laut dem Braunbuch der DDR, von dem weiter unten die Rede ist, war er im Krieg persönlicher Referent von Staatssekretär Gustav Adolf Steengracht von Moyland, der in Nürnberg im Wilhelmstraßen-Prozess gegen hohe Beamte des Reiches verurteilt wurde. Gerhart Weiz, 1963 bis 1964, war ab 1933 in der SA und ab 1937 in der Partei. Laut dem Braunbuch hatte er sich zudem um Aufnahme in die SS und 1934 um eine Verwendung bei der Gestapo beworben. Luitpold Werz, 1964 bis 1966, trat am 1. Oktober 1934 mit der Nummer 2.873.248 ein und leitete in den letzten Kriegsmonaten das Referat Inland II B in der Gruppe Inland II des Auswärtigen Amts, dem Bereich, der mit Heinrich Himmlers SS- und Polizeiapparat befasst war. Kurt Luedde-Neurath, Botschafter von 1966 bis 1968 und damit im Amt, während das Morden weiterging, trat am 1. Mai 1937 mit der Nummer 4.745.122 ein und war von 1933 bis 1939 in der SA gewesen. Helmut Allardt, 1954 bis 1958, stellte im März 1939 seinen Aufnahmeantrag und wurde im August desselben Jahres mit der Nummer 7.055.168 aufgenommen. Hilmar Bassler, der letzte von ihnen, von 1968 bis 1970, war laut dem Braunbuch im Krieg in der Presseabteilung des Auswärtigen Amts für die NS-Propaganda in Ostasien zuständig und ein Vertrauensmann der Gestapo und des SD, des Geheimdienstes der SS. Eine Parteimitgliedschaft ist für ihn nicht belegt.78
Ein Mann gehört nicht auf diese Liste. Für Werner Otto von Hentig, 1952 der erste Botschafter der Bundesrepublik in Indonesien, ist keine Parteimitgliedschaft belegt. Er war ein Kritiker des Regimes, der im Dienst blieb und ihn nutzte. Als Verbindungsoffizier bei der 11. Armee in der Ukraine protestierte er 1941 und 1942 wiederholt gegen die Massaker der Einsatzgruppe D, jener SS-Einheit, die im Süden der Ukraine und auf der Krim Zehntausende Juden ermordete, und nannte sie Mord. Einen solchen Mann hatte Bonn in seinen Reihen. In den sechzehn Jahren danach schickte es die anderen.79
Sieben Botschafter: fünf Parteimitglieder und ein NS-Propagandist
Die Missionschefs der Bundesrepublik in Djakarta, 1952–1970, mit den Angaben aus dem Text.
Mitgliedsnummern aus der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv und dem Braunbuch der DDR; für Weiz ist keine Nummer veröffentlicht, für Bassler keine Parteimitgliedschaft belegt (Anm. 78). Zu Werz die eigene Akte des Auswärtigen Amts: . Von Hentigs Nachlass: .
So besetzte Bonn seine Vertretung im größten muslimischen Land der Erde mit Männern, die die einschlägige Erfahrung mitbrachten. Laut dem Braunbuch hatte Bassler den Krieg damit verbracht, deutsche Propaganda für Ostasien zu produzieren, und danach in Bonn das Ostasienreferat geleitet, bevor er selbst nach Jakarta versetzt wurde. Er war dort, als das Morden von den Dörfern in die Gerichtssäle gewandert war. Im November 1968, inzwischen Leiter der Botschaft, berichtete er über den Protest ostdeutscher Juristen gegen die Hinrichtung dreier kommunistischer Führer, Njono, Sudisman und Wirjomartono, und zog das Fazit: Die Bundesrepublik „kann den ‚demokratischen Juristen‘ aus Pankow für diese ausgezeichnete Propaganda gegen die SBZ in der hiesigen Öffentlichkeit nur dankbar sein“.80 Pankow war der Ost-Berliner Bezirk, in dem die DDR-Führung wohnte. Das waren keine passiven Karrieristen mit einer unbequemen Vergangenheit. Werz, NSDAP-Mitglied, meldete die Opferzahlen, hoffte, dass die Armee, die „systematisch mit den Kommunisten aufräumt“, sich durchsetzen werde,81 und nannte das Massaker „eine ganz in unserem Sinne liegende Bereinigung“. Im Oktober 1965 hielt Bassler fest, dass Bundespresseamt und Deutsche Welle gebeten worden waren, die Gräuelpropaganda voranzutreiben, und wollte auch die großen Zeitungen „angeregt“ sehen. Drei Jahre später machte ihn die Bundesrepublik zu ihrem Botschafter in Jakarta.
Wenn die Botschaft von einer „Endlösung“ schrieb oder ihr politischer Referent meldete, die Kommunistische Partei sei „vollständig ausgerottet“, dann waren das keine gedankenlos hingeschriebenen Worte. Der Botschafter, der die Berichte mit dem Wort „Endlösung“ unterzeichnete, hatte dem Staat gedient, der diesen Worten ihre Bedeutung gegeben hatte.
Diese Kontinuität wurde nicht in Frage gestellt; sie wurde schriftlich verteidigt, in einer Akte des Auswärtigen Amts. Im Juni 1965 gab die indonesische Botschaft in Bonn eine Nachricht aus Jakarta weiter, wonach Sukarno und andere Gerüchte über die Nazivergangenheit von Botschafter Werz hörten. Die Akte räumt ein, was zutrifft: Werz war ab 1934 Mitglied der NSDAP und bis 1945 im Auswärtigen Amt des NS-Staats tätig, im Februar und März dieses letzten Jahres auch in der Abteilung Inland, auch wenn das Dokument darüber wenig Worte verliert. Doch der hohe Beamte, der den indonesischen Gesandten empfing, erklärte ihm, an der „einwandfreien Vergangenheit von Botschafter Werz“ könne seines Erachtens kein Zweifel bestehen, machte „die Brunnenvergifter aus Pankow“ für die Gerüchte verantwortlich und stellte Material zu ihrer Widerlegung in Aussicht; seine Aufzeichnung des Gesprächs ging an den Staatssekretär. Eine Woche später nannte ihn ein Papier des Auswärtigen Amts über seinen Werdegang einen „untadeligen Beamten“ und erklärte, die Angriffe gegen ihn basierten auf „unbewiesenen Unterstellungen“ und „reiner Verleumdung“.82 Es ist derselbe Botschafter, der wenige Monate später dreimal seinen Namen unter Sukarnos versprochene „politische Endlösung“ setzen und die Toten sechsstellig zählen sollte.
Bonn nannte die Vorwürfe Verleumdung; in Ost-Berlin standen sie gedruckt. Binnen Wochen veröffentlichte die DDR ihr Braunbuch, ein Verzeichnis ehemaliger Nazis in Ämtern der Bundesrepublik, das das Staatsarchiv anhand erbeuteter Akten erstellt hatte. Es kam von interessierter Seite, doch Bonns eigene Akte aus denselben Wochen räumte ein, was darin stand. Die Ausgabe von 1968 führt fünf der Botschafter in Jakarta auf: Werz, Mirbach, Weiz, Luedde-Neurath und Bassler.83
Dann war da noch der BND. Auch der Bundesnachrichtendienst hatte seinen alten SS-Mann in Jakarta. Reinhard Gehlen, der die Feindaufklärung von Hitlers Heer an der Ostfront geleitet hatte, baute ihn mit seinen alten Kameraden aus dem Krieg auf und führte ihn. In seinen Memoiren von 1971 erklärte Gehlen, der Erfolg der indonesischen Armee, die „die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte“, könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In derselben Passage rühmte er sich, sein Dienst sei „in der glücklichen Lage“ gewesen, der Bundesregierung „aus hervorragenden Quellen“ über die entscheidenden Tage in Indonesien zu berichten, so wie er auch frühzeitig auf die sich zuspitzende Lage hingewiesen habe. Zu seinen Männern in Indonesien gehörte Rudolf Oebsger-Röder, seit 1931 NSDAP-Mitglied und später SS-Obersturmbannführer. Im Herbst 1939 führte er ein SD-Kommando im besetzten Bromberg in Polen, und im Frühjahr 1944, als die Juden Ungarns ghettoisiert und deportiert wurden, befehligte er Sicherheitspolizei und SD in Cluj. Nach dem Krieg ging er zur Organisation Gehlen, dem unter amerikanischer Aufsicht aufgebauten Spionagenetz, aus dem 1956 der BND hervorging. Nach Auskunft der Bundesregierung an den Bundestag aus dem Jahr 2023 arbeitete er von Dezember 1959 bis Dezember 1962 und erneut von Juli 1964 bis März 1966 in Indonesien für Gehlens Dienst, also während des Putsches und auf dem Höhepunkt der Massaker. Seine Tarnung war der Journalismus. Unter dem Namen O. G. Roeder schrieb er später die Biografie von General Suharto, The Smiling General. Die Akten des BND selbst, 2011 von seinem Haushistoriker veröffentlicht, ergänzen, was die Bundesregierung wegließ. Im Juli 1964 hatte der Dienst ihn auf Weisung seines Präsidenten „wegen der NS-Belastungen entlassen“ und dann trotzdem behalten, „als Quelle in INDONESIEN“, bis zum 31. März 1966. Über ihn vermerkt dieselbe Akte: „Bei Freund und Feind als BND-Mann bekannt“. Nach eigenen Angaben war er vom indonesischen Nachrichtendienst angesprochen worden, „um Sprachregelungen in die Presse zu lancieren“. Er war auch nicht der Einzige. 2023 teilte die Bundesregierung mit, die genaue Zahl lasse sich nicht feststellen, aus den bisher händisch überprüften Akten gingen aber drei Personen hervor, die zwischen 1965 und 1968 in Indonesien für den BND tätig gewesen waren; ihre Aufgabe, erklärte sie, sei die Beschaffung von Informationen gewesen.84 Ein SS-Veteran sammelte für Bonn Informationen, während das Morden seinen Lauf nahm, und schrieb danach die Lebensgeschichte des Mannes, der es befohlen hatte.
„Schulter an Schulter“: Bonn, Washington und die Sieger
Als US-Präsident Lyndon B. Johnson und Bundeskanzler Ludwig Erhard am 27. September 1966 in Washington zusammentrafen, war es Johnson, der auf Indonesien zu sprechen kam. Johnson erklärte, der Kommunismus habe während ihrer Amtszeit einen großen Verlust erlitten, der nicht ausreichend ausgenutzt worden sei: Indonesien, wo „ein Volk von hundert Millionen für den Kommunismus verlorengegangen“ sei. Er hoffe, sagte er, der Kanzler könne die derzeitige Führung Indonesiens mit deutschen Industriellen und mit Regierungshilfe unterstützen, und eine solche Zusammenarbeit werde zeigen, dass die Deutschen in der Hilfe für die Dritte Welt „Schulter an Schulter“ mit den Amerikanern stünden. Indonesien sei ein großer Sieg für die freie Welt gewesen, fügte er hinzu, einer, dem nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil geworden sei, den man allerdings auch nicht zu laut hinausposaunen solle, weil der Sieg noch nicht ganz sicher sei. Erhard erwiderte, die deutsche Haltung habe sich natürlich verändert, „seitdem Sukarno in Indonesien nicht mehr der Allmächtige sei“, er glaube jedoch, „daß jetzt der Boden für größere Aktivität bereitet sei“.85
In der Praxis bedeutete solches Gerede die Vernichtung der Kommunisten und derer in ihrem Umfeld, von 1965 bis in die frühen Siebzigerjahre. Deutschland wusste es. Das Unternehmen war durch deutsche Kredite abgesichert, von deutscher Propaganda getragen und mit Gewehren, Munition und Pulver versorgt, die in Bonn freigegeben wurden, während Beamte ihre Zustimmung schriftlich festhielten: keine Bedenken.
Wardaya bringt den Unterschied in wenigen Sätzen auf den Punkt: „Dann gab es die Nürnberger Prozesse. Das konnte geschehen, weil im Fall Deutschlands die Täter den Krieg verloren haben. In Indonesien war es 1965 anders. Die Täter haben gewonnen, also haben sie die Macht übernommen.“86 Bis zum Sturz Suhartos 1998 wurde die Erinnerung an das Massaker zum Schweigen gebracht, und die Überlebenden lebten in der Angst, darüber zu sprechen. Die meisten Mörder werden bis heute als Helden gefeiert. Die Sieger hatten ihre Freunde in Bonn.
Berlin ist gefragt worden. 2014 erklärte die Bundesregierung dem Bundestag, zu Waffen, Geld oder Gütern, die zwischen 1964 und 1970 an Militär, Regierung und Geheimdienste Indonesiens geliefert wurden, lägen ihr „keine Daten mehr“ vor, und sie und der BND hätten die Tötungen „nach heutigem Kenntnisstand weder direkt noch indirekt unterstützt“. Die in diesem Artikel zitierten Genehmigungen liegen im eigenen Archiv des Auswärtigen Amts, offen für jeden, der danach fragt. Die Bundesregierung hatte das selbst gesagt: Eine Analyse der damaligen Reaktion Bonns, erklärte sie dem Bundestag, sei Sache der Historiker, und: „Entsprechende Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts sind gemäß den gesetzlichen Bestimmungen zugänglich.“

Gefragt, welche Kontakte Bonn während der Massaker zur Regierung Indonesiens unterhalten habe, nannte sie einen einzigen Besuch, den von General Sukendro im November 1965, und verschwieg die Unterstützung, die Carstens ihm zugesagt hatte. Drei ihrer neunzehn Antworten und den Teil einer vierten, der den BND betraf, wollte sie nicht öffentlich geben: was sie über ausländische Unterstützung für die Massaker wusste, welches Personal des Bundes zur Ausbildung oder Beratung in Indonesien gewesen war und ob der BND in der Botschaft in Jakarta eine „legale Residentur“ unterhalten hatte. Sie stufte diese Antworten als Verschlusssache ein und hinterlegte sie bei der Geheimschutzstelle des Bundestags. Dafür, dass sie geheim hielt, welches deutsche Personal in Indonesien ausgebildet oder beraten hatte, nannte sie einen einzigen Grund: die Vertraulichkeit der „Zusammenarbeit der Nachrichtendienste“. Einen Beleg für eine Unterstützung durch den BND habe sie, so erklärte sie, „in den bislang erschlossenen Akten des Bundesnachrichtendienstes“ nicht gefunden. 2020, nachdem die BND-Akten über die erbetenen 1,2 Millionen DM ans Licht gekommen waren, erklärte sie die „Mutmaßung“, der BND habe den indonesischen Nachrichtendienst sowie die Sondereinheiten und Milizen des Militärs „im Rahmen des Massenmords“ mit „Geld-, Beratungs- und Geräteleistungen“ unterstützt, für „nicht zutreffend“ und stufte den Rest ihrer Antwort als geheim ein. André Hahn, der Bundestagsabgeordnete der Linken, der gefragt hatte, las den geheimen Teil und sagte: „Die darin enthaltenen konkreten Zahlen zu tatsächlich geleisteten Unterstützungen des Regimes sollen offenkundig nicht bekannt werden.“ 2023, erneut gefragt, sah sie „keine Anhaltspunkte für eine zweckgerichtete Verstrickung“ deutscher Regierungen mit den Verantwortlichen, gab keine Forschung in Auftrag und erklärte, sie teile die „Hypothese einer Unterstützung“ nicht. Keine Entschuldigung, keine Historikerkommission, keine Reparationen.
Dieselbe Antwort von 2014 hält fest, dass die Bundeswehr zwischen 1960 und 1998 insgesamt 122 indonesische Soldaten ausgebildet hat und dass 1981 ein junger Hauptmann namens Prabowo Subianto bei der Antiterroreinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes trainierte. Suhartos ehemaliger Schwiegersohn ist heute Präsident Indonesiens. Im November 2025 erklärte er Suharto zum Nationalhelden. Und sechzig Jahre später, während es Israels Krieg gegen Gaza unterstützt, spricht Berlin noch immer von „historischer Verantwortung“.87
Eine Recherche von Hüseyin Dogru, Journalist und preisgekrönter Dokumentarfilmproduzent.
Ohne Emrah Cilasun gäbe es diese Arbeit nicht. Emrah Cilasun forscht und schreibt, hat Wochen in den Archiven verbracht und war an jedem Schritt beteiligt, von der Recherche über die Analyse bis zur Auswertung.

